Holzwirtschaft

Holzwirtschaft

Holzwaren wurden zu einem großen Teil in Hausarbeit produziert. In den winterlichen Bauernstuben entstanden landwirtschaftliche Geräte, Haushaltswaren, Holzschuhe, Schindeln, Holzdraht oder Reiseandenken für die aufkommende Tourismusbranche. 

Im 19. Jahrhundert entstanden immer mehr Fabriken zur Verarbeitung des Holzes, für die Papierindustrie und für die Glas- sowie Porzellanherstellung. Der Eisenbahnbau seit den 1870er Jahren beschleunigte diese Entwicklung und sorgte zugleich dafür, dass Holzprodukte ihre Kunden auf weit entfernten Märkten finden konnten oder so. Die neue Infrastruktur erschloss die Landschaft des Bayerischen Waldes / Böhmerwaldes zusätzlich einem ganz neuen, zahlungskräftigen Kundenkreis: den Tagestouristen. Der Fremdenverkehr war schon vorher im Aufschwung begriffen (mehr dazu im Geschichtsbaustein Tourismusgeschichte). 

Gewinnung von Brenn- und Bauholz

Der Bayerische Wald/Böhmerwald bot im 19. Jahrhundert unerschöpflich scheinende Holzvorräte. Die reichsten Waldbesitzer waren Adelsfamilien und Klöster, doch auch Städte, Gemeinden und viele Bauern besaßen Waldflächen. Der Holzbedarf war vor allem in den Städten groß. Das Holz diente in erster Linie als Brennmaterial zum Heizen in der Industrie sowie in Privathaushalten. Aber auch als Baumaterial war es – neben Stein – von großer Bedeutung. Im bayerisch-böhmischen Grenzgebirge gab es genug Bauern, die sich im Winter mit der Waldarbeit etwas dazu verdienen wollten. Doch der Transport des sperrigen Handelsgutes stellte gerade in diesem unerschlossenen Mittelgebirge ein großes Problem dar. Vor dem Bau der Eisenbahn war es schwierig, große Mengen an Holzaus dem Wald zu schaffen. Lediglich die Gewässer boten Möglichkeiten für den Holztransport. Doch auch die Nutzung der Wasserkraft war mit erheblichen Problemen behaftet, sind doch die Gewässer des Bayerischen Waldes/Böhmerwaldes nicht sehr tief, durchfließen zahlreiche steile und enge Täler und passieren in ihrem Verlauf auch sonst viele Hindernisse. 

Engagierte Ingenieure haben jedoch Lösungen gefunden, Holz als Brenn- und Baustoff auf verschiedenen Wegen aus dem Wald zu schwemmen, zu triften und zu flößen. Das bekannteste und bedeutendste System war der Schwarzenberger Schwemmkanal nach Wien. Über ihn wurden seit 1791 große Mengen an Bau- und Brennholz zur Mühl und weiter an die Donau zur Verschiffung nach Wien transportiert. Doch auch über Schwemme und Trift auf der Ilz nach Passau kam viel Holz aus dem Bayerischen Wald/Böhmerwald an. Noch heute kann man Teile dazugehöriger Industrieanlagen besichtigen, etwa die Triftsperre in Hals oder die ehemaligen Holzlagerflächen an der Stromlänge. Zur Flößerei auf der Otava / Wottawa nach Prag hat uns ein Zeitzeuge, Josef Mirwald diverse Zeugnisse hinterlassen, dank derer ein lebendiges Bild der schweren aber auch abenteuerlichen Arbeit der Flößer entsteht.

Holzverarbeitende Gewerbe

Im Böhmerwald wurde auf Grundlage des Rohstoffes Holz Papier produziert. Die Maschinenpapierfabriken “Pötschmühle“ Ignaz Spiro & Söhne in Wettern/Větřní bei Krumau/Český Krumlov, gegründet 1861, war mit 1.800 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber des Böhmerwaldes. Die Fabrik verarbeitete 1938 250.000 Festmeter Holz zu 67.000 Tonnen Papier verschiedenster Art, das entspricht einer Tagesration von 200 Tonnen. Der Familienbetrieb wurde 1929 zur Aktiengesellschaft. Ein wichtiger Arbeitgeber wurde seit 1884 die Papier- und Pappenfabriken A.G. „Moldaumühle“, Brüder Porak in Kienberg/Loučovice an der Moldau. Diese beschäftigte im Jahr 1940 etwa 1.500 Arbeiter, 140 Angestellte und 200 bis 300 Personen für den Holztransport. Neben anderen Fabrikbesitzern fühlten sich besonders diese beiden großen Einrichtungen ihren tausenden von Mitarbeitern  verpflichtet und führten verschiedene  Sozialleistungen ein. Es gab Betriebskrankenkassen, Pensionskassen und Beamtenhäuser, eine Freiwillige Feuerweh, Bibliothek, Schulen, Badeanstalten,  Kinos, elektrische Beleuchtung (in Kienberg vor 1888), Kinos und Theaterbühnen, Ledigenheime, Waisenhäuser.

Ein ganz besonderes Holzprodukt ist das Resonanzholz zum Bau von Musikinstrumenten. Dieses edle Material wächst nur in wenigen Gebieten des Böhmerwaldes, vor allem in Höhen zwischen 900 m und 1200 m. In den 1820er Jahren entstanden die Resonanzholzfabrik Tusset in Tusset/Stožec des Fürsten Schwarzenberg und die Holzwerke Strunz in Außergefild/Kvilda (heute in Pocking, 25 km von Passau entfernt), sie lieferten Tonholz an weltbekannte Klavierbauer wie Steinway (Hamburg, New York), Bechstein (Berlin, Wien) und Petroff (Hradec Králové). Hier verarbeiteten 80 bis 100 Mitarbeiter jährlich 2000 Festmeter Holz für Klaviere und Streichinstrumente.

Veredelte Produkte stellte auch die Firma J. Steinbrener in Winterberg/Vimperk her. Die Verlagsanstalt, Buch- und Kunstdruckerei, Großbuchbinderei wurde im Jahr 1855 gegründet. Im Jahr 1910 waren hier 1000 Mitarbeiter tätig, 1930 hatte die Firma Steinbrener 34 Niederlassungen auf allen fünf Kontinenten. Man  produzierte hier seit 1907 eine Millionen Kalender,, und es wurden bis zu 1930 über 100 Millionen Gebetbücher in 29 Sprachen verkauft. 

Vor allem in den 1870er und 1880er Jahren kam es zur Gründung einer ganzen Reihe neuer holzverarbeitender Fabriken. Die Produktpalette war sehr facettenreich, es wurde alles  vom Besen über Zündwaren und Kinderwägen bis hin zum Korbstuhl produziert. Die Möbelfabrik Johann Kotschwara in Winterberg/Vimperk spezialisierte sich seit 1876 auf den Innenausbau und gestaltete moderne prominente Gebäude wie das „Deutsche Haus“ in Prag oder das Sporthotel „Rixi“ in Markt Eisenstein/Železná Ruda. In den Bohemia-Werken/Watzlawick-Fabrik in Bergreichenstein/Kašperské Hory wurden seit 1878 Kinderfahrzeuge aller Art, Wintersportgeräte und Handleiterwagen produziert. Es gab seit 1882 die Flaschenkapsel-, Zinnfolien-, Holzdraht und Zündwarenwerke Schell & Neffe in Altlangendorf/Dlouhá Ves u Sušice. 1883 wurde in Markt Eisenstein/Železná Ruda  das Dampfsägewerk, Bürsten-, Pinsel-, Besen- und Holzwarenfabrik, Waldprodukten-Export S. Adler gegründet. Als Waldprodukte wurden getrocknete Pilze oder Preiselbeerenkompott auch nach Übersee exportiert. Die Böhmische Rohr- und Korbwarenfabrik Franz Horrer in Bergreichenstein/Kašperské Hory war seit 1907 in Betrieb.