Nach einem Rundgang durch die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg stellt sich meistens die Frage nach dem Umgang mit der leidvollen Geschichte des KZ Flossenbürg. Denn Ende der 1950er Jahre errichteten Anwohnerinnen und Anwohner direkt auf dem ehemaligen Lagergelände Einfamilienhäuser, gefördert von der Gemeinde und vom Landkreis. Der Steinbruch, in dem unzählige Häftlinge ums Leben kamen, wird bis zum heutigen Tag noch kommerziell genutzt. In den Häusern, die Häftlinge in Zwangsarbeit in Lagernähe für die SS-Offiziere gebaut hatten, leben heute Bewohnerinnen und Bewohner der Gemeinde. Diese Tatsachen zeigen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass an einem Ort, in dem es vor Jahrzenten ein Konzentrationslager gab, die baulichen Überreste dieses Lagers erhalten blieben und zur Dokumentation und Mahnung für nachfolgende Generationen erhalten werden. Eine KZ-Stätte zu erhalten oder in Vergessenheit geraten zu lassen beruht auf bewussten Entscheidungen unterschiedlicher Beteiligter.
In der von uns vorgeschlagenen Unterrichts- bzw. Projekteinheit werden diese Entscheidungen und die damit verbundenen Absichten, Vorstellungen und Befürchtungen der beteiligten staatlichen Institutionen, regionalen Politiker und Verwaltungsbehörden, Anwohner/-innen, Gewerbetreibenden, ehemaligen Häftlinge und Gedenkstättenmitarbeiter thematisiert. Der Vorschlag besteht aus drei didaktischen Bausteinen: Fotovergleich, Formen des Gedenkens und Diskussionsforum.
Die drei vorgestellten Einheiten können unabhängig voneinander durchgeführt werden, sie bauen nicht aufeinander auf. Einheit I und II kann man auch parallel durchführen, da sie etwa gleich viel Zeit in Anspruch nehmen und die Ergebnisse der Gruppen auf gleiche Art und Weise vorgestellt werden. Einheit III eignet sich auch als Vertiefung, wenn bereits Einheit I oder II durchgeführt wurde, außerdem kann sie ggf. auch ohne vorherigen Besuch der Gedenkstätte eingesetzt werden.
In der ersten Einheit „Fotovergleich“ sollen die Schülerinnen und Schüler durch die Gegenüberstellung von historischen Fotografien mit aktuellen, selbst auf dem Gedenkstättengelände angefertigten Fotos den Umgang mit den baulichen Überresten des KZ Flossenbürg reflektieren.
o Ort: vor Ort in Flossenbürg + Schule (bzw. Seminarhaus o.ä.)
o Zeit: 60-70 Minuten vor Ort in Flossenbürg + 2 Unterrichtsstunden
o Material: Digitale Fotoapparate / Handys mit Kamera, ausgedruckte Fotos, Lagerplan und Gedenkstättenplan, Hintergrundinformationen zu einzelnen Objekten auf dem KZ-Gelände, Plakate, Kleber, Stifte
o Altersgruppe: 8.-9. Jahrgangsstufe, aber auch höhere Jahrgangsstufen
o Akzente: Handlungsorientierung, Informationsgewinnung aus historischem Bildmaterial & Karten, Ausstellung & hist. Ort -> Gestaltung von Plakaten + Präsentation
1. Erkundungsphase auf dem Gelände
a) Organisatorisches
b) Arbeitsaufträge
Die Schülerinnen und Schüler erhalten Originalaufnahmen des KZ-Geländes Flossenbürg (eine Aufnahme pro Gruppe) und bekommen den Arbeitsauftrag mit Digitalkameras den Standpunkt des Fotografen ausfindig zu machen und von dort mit der Kamera eine aktuelle Aufnahme zu machen.
c) Materialien zum Download
Alle Originalaufnahmen in einer Datei
Übersicht der Originalaufnahmen
Fotos einzeln: Bild 1, Bild 2, Bild 3, Bild 4, Bild 5, Bild 6, Bild 7, Bild 8, Bild 9 links, Bild 9 rechts, Bild 9 gesamt
2. Auswertungsphase in der Klasse
a) Organisatorisches
b) Arbeitsaufträge
Euere Plakate sollen in einer Ausstellung gezeigt werden! Damit der Besucher damit etwas anfangen kann, müsst ihr ihm auch treffende Zusatzinformationen zu den Bildern liefern. Folgende Arbeitsaufträge helfen euch dabei:
c) Materialien zum Download
Die Hintergrundinformationen sind nicht jeweils einem Foto und damit einer Gruppe zuzuordnen, sondern sollten den Schülerinnen und Schülern zur freien Information zur Verfügung gestellt werden. Auf den Fotos sind teilweise mehrere Objekte zu sehen, so dass für eine Gruppe Hintergrundinformationen zu verschiedenen Gebäuden relevant sind und auch die gleichen Informationen für mehrere Gruppen zur Verfügung stehen müssen.
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In der zweiten Einheit „Formen des Gedenkens“ sollen die Schüler sich mit verschiedenen Gruppen von Häftlingen bzw. Opfern des KZ Flossenbürg beschäftigen und herausfinden, wo, wer und auf welche Art und Weise man sich an sie erinnert und welche Absichten mit dem Gedenken verbunden sein können.
o Ort: vor Ort in Flossenbürg + Schule (bzw. Seminarhaus o.ä.)
o Zeitbedarf: 60-70 Minuten vor Ort in Flossenbürg + 2 Unterrichtsstunden
o Material: Digitale Fotoapparate / Handys mit Kamera, Arbeitsblätter zu den einzelnen Häftlingsgruppen, Lagerplan und Gedenkstättenplan, Hintergrundinformationen über Gedenkorte, Plakate, Kleber, Stifte
o Altersgruppe: 8.-9. Jahrgangsstufe, aber auch höhere Jahrgangsstufen
o Akzente: Handlungsorientierung, Informationsgewinnung aus hist. Ort & Ausstellung, Infomaterialien -> Gestaltung von Plakaten + Präsentation
1. Erkundungsphase auf dem Gelände
Organisatorisches
Arbeitsaufträge
2. Auswertungsphase
Organisatorisches
Vorschläge zur Bearbeitung
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In der dritten Einheit „Diskussionsforum“ sollen sich Schülerinnen und Schüler anhand von Zeitungsartikeln und Reden über das ehemalige KZ Flossenbürg in die Rolle verschiedener an der Veränderung des ehemaligen KZ-Geländes Beteiligter hineinversetzen, ihre Beweggründe für ihren Umgang mit dem Lagergelände nachvollziehen und diese in einem Rollenspiel gegenüber anderen Meinungen vertreten.
o Ort: Schule oder Seminarhaus
o Zeitbedarf: 2-4 Unterrichtsstunden
o Material: Zeitungsartikel, Reden
o Altersgruppe: 11.-12. Jahrgangsstufe
o Akzente: Textquellen-Arbeit, Mulitperspektivität -> interaktive Präsentation im Rollenspiel
1. Einstieg in die Thematik
Die Lehrkraft zeigt zwei Fotografien, die das Lagergelände im Mai 1945 und im heutigen Zustand darstellen und die Errichtung einer Wohnsiedlung anstelle der Häftlingsbaracken deutlich machen. Daraus soll in einem Gespräch die Frage abgeleitet werden, welche Argumente sich für oder gegen die Bebauung und Veränderung des Geländes eines ehemaligen Konzentrationslagers finden lassen.
Alternativer Einstieg:
Ausschnitt aus einer Rede des ehemaligen Häftlings Vittore Bocchetta anlässlich der Eröffnung der neuen Dauerausstellung der KZ-Gedenkstätte in Flossenbürg am 22.7.2007:
„Aber wozu heute, 63 Jahre später, (…) an diese Zeit, an diesen Ort erinnern? Hilft es, uns vor der Wiederholung zu bewahren? Hilft es, uns zu trösten? Hilft es, zu verzeihen?“
2. Lehrervortrag
Je nach Kenntnisstand vermittelt die Lehrkraft in einem kurzen Vortrag die Geschichte des Lagergeländes nach 1945. In den Materialien findet sich hierzu eine Zeitleiste.
3. Textarbeit
Die Lehrkraft stellt die folgende Einstiegssituation vor:
Ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers fordern, dass die Wohnsiedlung als weiterer Gedenkort mit in das Gelände der Gedenkstätte eingegliedert wird.
Zu dieser Situation sollen die Schülerinnen und Schüler in vier Gruppen Argumente sammeln und ein Statement vorbereiten. Sie repräsentieren vier verschiedene an der Veränderung des ehemaligen KZ-Geländes beteiligte Interessensgruppen: die Bewohner Flossenbürgs, Lokalpolitiker, die Gedenkstättenmitarbeiter sowie ehemalige Häftlinge.
Die Gruppen bestimmen jeweils einen Sprecher, der ihren Standpunkt in der Diskussion vertritt. Hierzu bearbeiten sie mithilfe von Erschließungsfragen Zeitungsartikel und Reden, die die verschiedenen Sichtweisen widerspiegeln und rüsten somit ihren Sprecher mit Argumenten für die Diskussion aus. Jede Gruppe soll ein Eröffnungsstatement vorbereiten sowie mögliche Fragen an die anderen Interessengruppen formulieren.
4. Diskussion
Alle vier Sprecher und die Lehrkraft als Moderator/-in bilden vor der Klasse ein Diskussionsforum. Der Moderator/in stellt die Problemstellung vor, die Sprecherinnen oder die Sprecher beginnen die Diskussion mit ihren Eröffnungsstatements. Der Moderator/in leitet die Diskussion an und achtet auf eine ausgewogene Beteiligung. Zudem sollten auch die Schülerinnen und Schüler, die das Publikum bilden aufgefordert werden, ihre Fragen an die Sprecher/-innen zu richten oder diese mit weiteren Argumenten zu unterstützten. Ziel der Diskussion sollte es sodann sein, sich auf ein Ergebnis für das gegebene Problem zu einigen.
5. Auswertungsphase
Die Lehrkraft macht mit den Schülerinnen und Schülern eine mündliche Evaluation der Diskussionen. Dabei werden die Motive der einzelnen Rollen für ihr Handeln aufgegriffen. Dabei ist darauf zu achten, dass verschiedene Deutungen zu ihrem Recht kommen; die Lehrkraft sollte deutlich machen, dass unterschiedliche Sichtweisen ihre Berechtigung haben. Auch aufgetretene Probleme und andere wichtige Elemente der vorangegangenen Diskussion sollten besprochen werden.
Eventuell kann als Hausaufgabe auf Basis der gesammelten Argumente und der Diskussion ein fiktiver Brief von den jeweiligen Interessensgruppen an den Bürgermeister oder die Gedenkstättenleitung verfasst werden.
Materialien:
o Vergleichsfotografien für den Einstieg: Häftlingsbaracken Mai 1945, Häftlingsbaracken 2008
o Rollenkarten für die Gruppenzuteilung
o Zeitungsartikel und Reden mit Erschließungsfragen für die vier Kleingruppen:
Bewohner Flossenbürgs, Gedenkstättenmitarbeiter, ehemalige Häftlinge, Lokalpolitiker
o für alle: Zeitleiste Flossenbürg nach 1945
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Die drei Bausteine orientieren sich an den folgenden Lernzielen:
Die SchülerInnen sollen...
Dabei lässt sich unser Projektentwurf in die Lehrpläne der verschiedenen Jahrgangsstufen in Bayern und Böhmen einfügen, wie diese Übersicht zeigt.